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Freds Tagebuch #11.2

Eintrag #11 Teil 2 Mein Tagebuch, von Frederick Usiku Krüger






"Wir wurden in ein großes, luftiges Eßzimmer mit Blick auf den See geleitet, wo, wie meine Mutter vorhergesagt hatte, ein extravagantes Festmahl aufgetischt war. Nachdem, was ich über den Geschmack der Fürstin gehört hatte, war es ein Zugeständnis an ihre Gäste, daß das gesamte Essen gekocht war.


"Weißt Du, Songween," begann meine Mutter, und sie war die einzige Person, die es jemals wagen würde, die Fürstin mit ihrem Vornahmen anzusprechen, "es würde einen wesentlich besseren Eindruck hinterlassen, einen etwas ökonomischeren Empfang zu geben, wenn Dein Banker zu Besuch ist."


"Du bezahlst doch sowieso dafür, warum genießt Du es nicht?" schoss die Fürstin zurück, völlig am Thema vorbei, während sie ein großes Stück von dem hackte, was wie das geröstete Bein einer Giraffe aussah und es auf ihren goldplattierten Teller ploppte. Sie reichte das Messer meiner Mutter. "Zier Dich nicht, hau rein. Sobald wir mit den Hors-d'oevre fertig sind, lass´ich sie die Hauptmahlzeit hereinbringen."


Mein Vater hustete in sein Wasserglas. Mutter starrte nur.


"Also, Sterling -- wie laufen die Geschäfte?" fragte die Fürstin, während sie kaute.



"Es läuft gut," erwiderte mein Vater wachsam. Er begann, das Projekt zu erwähnen, an dem er gegenwärtig arbeitete aber die Fürstin wendete ihre Aufmerksamkeit plötzlich mir zu.


"Und Du -- Ich hörte, jemand versuchte vor einigen Monaten, Dich in die Finger zu bekommen. Wie hast Du es geschafft, zu entkommen?"


Ich schaute meine Mutter an, und sie erwiderte ein unmerkliches Nicken. "Ich versteckte mich in der Truhe, die mein Vater für mich gemacht hatte. Sie konnten sie nicht anheben oder öffnen und ich war in der Lage, die Polizei zu alarmieren, die sie auf frischer Tat ertappte, Madame."


"Das muß ja eine Mordstruhe sein," sagte die Fürstin und schob ein weiteres großes Stück Fleisch in ihren Mund.


"Es ist ein Prototyp von einer meiner Firmen," warf mein Vater höflich ein, bevor ich irgendwelche genauen Details der robotischen Reisetruhe beschreiben konnte und wie es sich mit seinen dutzenden seesternähnlichen Saugfüßen am Boden verankert hatte und es damit unmöglich machte, sie zu bewegen, während Stromstöße über die metallischen Beschläge seiner Außenseite die Kidnapper auf Abstand hielten oder wie frustriert sie waren, bei ihren Versuchen mich dort herauszubekommen.


Die Fürstin schaute mich weiter an. "Hattest Du Angst?" fragte sie in beinahe verschwörerischem Tonfall.


Natürlich hatte ich Angst gehabt. Aber -- "Nein, Madame. Ich vertraute der Truhe, mich zu beschützen und das tat sie. Sie tat genau das, wofür sie geschaffen wurde."


Das brachte die Fürstin zum kichern. "Die Truhe würde ich gerne mal sehen," murmelte sie und schaufelte mehr Fleisch in sich hinein.


"Wenn Sie wünschen--" begann ich und unterbrach mich selbst, als ich die Ferse meiner Mutter auf meinen Zehen spürte.


"Ach, lass ihn doch reden, Lucretia," schalt die Fürstin höflich, während sie ein Stück Brot abschnitt und in Soße ertränkte. "Ich bat Dich, das Kind mitzubringen, damit ich den Welpen kennenlernen kann, der irgendwann mein ganzes Zeugs bekommt." Mit dem Messer über ihre Schulter in Richtung auf die Aussicht zeigend, fügte sie mit einem heiseren pseudo-britischen Akzent hinzu, "Einees Taages, Burrsche, wird all das Dir gehöören!"


Und ohne nachzudenken, beschwerte ich mich mit klagendem Tonfall, "Wos -- die Vohrhänge?"


Die Fürstin warf sich in ihrem Stuhl zurück und lachte so sehr, daß mein Vater sich vor den Spritzern schützen musste. Die Fürstin, die schnaubte und wieherte und tupfte ihre tränenden Augen mit ihrer Serviette, grölte, "Meine Götter, Lou--! Du sagtest mir, er hätte keinen Sinn für Humor! Ich wette, den hat er nicht von Dir!"


Meine Mutter warf mir einen Blick aus dem Augenwinkel zu, der ein Loch in Stahl hätte bohren können. "Das WIRD er -- später," versprach sie ruhig.


Während ich überrascht und verwirrt zwinkerte, gluckste die Fürstin und zerlegte geschickt einen kleinen Kapaun. Ich bemerkte, daß sie ihr Messer mit der Fähigkeit und Ökonomie eines Chirurgen führte. Und ich erinnerte mich an die Geschichte, wie ihr Ehemann sein Ende fand. Es war der Moment, als ich erkannte, daß da etwas sehr gefährliches hinter ihrer rauhen und jovialen Schale lauerte.


Während die Fürstin Spaß daran zu haben schien, aus ihrem Essen eine geräuschvolle Ferkelei zu machen, saß meine Mutter bolzengerade, mit einer Pfote auf einer Serviette in ihrem Schoß und nahm ihr Mahl zu sich, indem sie Bissen für Bissen elegant zu ihrem Mund führte, mit fast mechanisch perfekten Bewegungen. Ich hatte selten die Gelegenheit, mit meinen Eltern zu speisen, so daß dies eine Neuheit für mich war. Ich hatte beinahe angenommen, daß meine Mutter von Photosynthese oder so etwas lebte. Ich bin nicht sicher ob sie nicht ihre Schicklichkeit übertrieb, um die Fürstin bloßzustellen.


"Sobald wir unser Mahl beendet haben, hätte ich gerne einen Blick in Deine Bücher geworfen," bemerkte meine Mutter frostig. Die Fürstin hielt inne an dem Knochen zu nagen, warf einen Blick auf meine Mutter und fuhr mit ihrer Beschäftigung fort.


"Sie hatten sehr angenehmes Wetter in diesem Jahr," warf mein Vater ein, "ich nehme an, daß das Grass auf der Savanne gut gewachsen ist?"


Die Fürstin zuckte mit den Schultern. Vater schmiedete das Eisen weiter. "Und mit dem Afghanistan Krieg sollten Ihre Einheiten der Brigade dieses Jahr Gewinn machen, nicht wahr?"


"Diese Afghanen sind harte Nüsse," sagte die Fürstin. "Und die Perser sind ein Haufen hochnäsiger Pussies. Ich wünschte, wir hätten uns nie dort eingemischt. Hilf nie einer Katze in einem Hundekampf."


"Das Geschäft der Brigade ist das kämpfen," erinnerte Mutter sie trocken.


"Ja, nun -- es ist verdammt schwer ein Prophet zu sein, in dem Teil der Welt," grummelte die Fürstin.


Die Erwachsenen neckten sich weiter auf diese Weise und ich blendete sie nach und nach aus. Im Rückblick erkenne ich, daß es in meinem besten Interesse gewesen wäre, ihnen zuzuhören, aber... ich war zehn, ich war gelangweilt und ich wollte wirklich, wirklich endlich mein Schiff besuchen. Ich fuhr fort zu versuchen, durch die Esszimmerfenster verstohlene Blicke darauf zu erheischen.


Die Fürstin bemerkte es. Ich schätze, sie hatte mich insgeheim die ganze Zeit beobachtet. "Wie wäre es, wenn ihr Leute einen Ausflug zur LOWEZA macht?" schlug sie vor und ich erstickte ein begeistertes keuchen.


"Nein. Wir werden einen Blick in Deine Bücher werfen --" bestimmte meine Mutter beharrlich.


"Ach komm schon, Lucretia--! Dafür ist noch alle Zeit der Welt. Deinem Kind wird noch eine Dichtung platzen, wenn er noch lange in diesen stickigen alten Sälen mit uns alten Käuzen verbringen muß! Kinder in seinem Alter sollten herumtollen, schreien und Sachen mit Stöcken schlagen, anstatt zu sagen "darf ich bitte" und "danke sehr" und... auszusehen wie kleine alte Buchhalter." Sie rief mich zu sich mit einem Winken ihrer schmierigen Pfote.


Meine Mutter holte scharf Luft und ihre Augen verengten sich. "Mein Sohn muss lernen geduldig zu sein," schnappte sie.


"Ich würde sagen, das beherrscht er bereits perfekt," erwiderte die Fürstin trocken. "Was er braucht, ist zu lernen, wie man eine normale Person ist."


"Er ist KEINE "normale Person!" Er ist --" Mutter ertappte sich selbst, ballte und lockerte ihre Faust unter dem Tisch und schien still bis zehn zu zählen. In einem weit moderaterem Tonfall fuhr sie fort, "-- er hat eine Bestimmung. Er hat eine Pflicht und eine Aufgabe, für die er gut vorbereitet werden muss."


Die Fürstin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und betrachtete meine Mutter durch halb geschlossene Augen. "Ich hatte drei Söhne. Sie alle hatten ihre Bestimmung, Pflichten und Aufgaben. Vertrau mir, Kinder werden zu dem, was sie wollen. Besonders Jungs. Das Beste, was wir tun können ist, ihnen ein Ziel zu geben und zu hoffen, daß sie das Ziel treffen. Alles weitere ist wie zu versuchen, ein Stück Leber durch ein Schlüsselloch zu drücken."


Meine Mutter war still, für einen langen, langen Moment. Sie hob sorgfältig ihr Wasserglas an ihre Lippen und nahm einen tiefen Schluck. Sie senkte das Glas, schien darüber nachzudenken und nahm dann noch einen Schluck.


"Ich schätze, wir können einen Blick auf das Schiff werfen," entschied sie, "schließlich ist es Usikus Geburtstagsgeschenk."


Obwohl ich nach außen keine verräterische Regung zeigte, machte mein Herz einen Salto.


"Danke, Mutter," bemerkte ich ruhig.


Die Fürstin spreizte ihre Hände und sah verletzt aus. "Waaas --? Kein, "Danke, Ihre Hoheit?" Was für ein Kind ziehst Du da auf, Lou --?"


Meine Mutter legte ihre Gesicht in die Pfote und sackte mit einem kurzen irritierten Seufzer auf dem Stuhl zusammen. Die Fürstin winkte mir zu.


Ich glaube, wir beide waren gerade einem schmerzhaft geistlosen Nachmittag entkommen..."


Fortsetzung folgt...





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