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Freds Tagebuch 30.2

Eintrag #30 Teil 2 Mein Tagebuch, von Frederick Usiku Krüger





Nach dem Frühstück -- über das sie sich in der Tat beschwerte -- begleitete ich sie zu ihrem Bürogebäude, eine erstaunliches Bauwerk im Termiten-Terrassenstil in der Innenstadt. Wir durchquerten die belebte Lobby und steuerten die Aufzüge an; dann wirbelte sie zu mir herum und stoppte mich mit einer ausgebreiteten Hand auf meiner Brust.


"Du kommst hier nicht rein!" zischte sie, sich nervös umblickend.


"Aber ich sollte Sie bewachen --"


"Nicht hier! Strikte Regeln gegen Militär, das sich bei der Vierten Macht einmischt, weißt Du... Schau, ich besorge Dir einen Pass, aber nicht Heute!"


Ich war etwas aus der Fassung von ihrem offensichtlichen Unwohlsein. "Aber was mache ich denn dann?"


Sie zuckte mit den Achseln. "Geh zurück nach Hyänasport."


"Aber das sind zwei Stunden Hin und Zurück...!" protestierte ich.


Sie kniff sich den Nasenrücken. "Also gut. Es gibt da diesen Ort am Ende des Blocks -- das Cross Time Cafe -- Du kannst es nicht verpassen, es wird Dich nicht lassen; Es ist eine Art altmodisches Wiener Kaffeehaus mit einem retro-futuristischen Anflug. Du kannst da abhängen und ich treffe Dich da nach der Arbeit. Sie haben gutes Essen. Kauf eine Tasse Kaffee und sie lassen Dich den ganzen Tag dort sitzen. Sag ihnen, sie sollen es auf meinen Zettel schreiben. Nur... setz Dich nicht in den roten Sessel."


"Der -- rote Sessel?"


"Ja. Frage Mzzkiti ob er schon gefüttert worden ist, aber setz Dich nicht rein, auch wenn sie ja sagt. Vertrau mir."


Dann tat sie etwas, das ich nicht wirklich erwartet hatte; sie lange herüber und kratzte mein Wangenfell, lächelte und sagte, "Bis später -- wir essen dort zu Abend, wenn ich frei habe, okay? Einen schönen Tag, Louie!"


Sie wirbelte herum erwischte einen von den Aufzügen und war fort.


Ich starrte ihr nach und fühlte mich wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte. Sie hatte meine ganze Energie mit sich genommen.


Dann bemerkte ich, daß ich zum Fokus einiger neugieriger Blicke geworden war und entschied mich zu einem hastigen Rückzug, bevor jemand Fragen stellte, die ich nicht beantworten konnte.


*


Sie hatte recht -- das Cross Time Cafe war nicht schwer zu finden. Es fiel eher ins Auge mit seiner bemerkenswert authentisch aussehenden English Tudor Fassade, Buntglassfenstern und einem komfortablen dunklen und höhlenartigem Interieur, mit Wänden die eher ineinander zu fließen schienen, als daß sie ordentliche Winkel bildeten. Es erzeugte einen Eindruck von geräumiger Gemütlichkeit. Es gab zahlreiche verbundene Räume und es schien von innen viel größer zu sein. Einmal hätte ich schwören können, daß ich einen Satz Giraffenbeine den Gang herunterschlendern sah. Ich bin sicher, wenn ich in der Stimmung gewesen wäre, dem auf den Grund zu gehen, daß ich herausgefunden hätte, wie der Trick funktionierte, aber wie die Dinge standen, war ich damit zufrieden, mir einen nicht-roten Sessel an einem der Kamine zu suchen und den Nachmittag damit zu verbringen, die Zeitungen bei einer endlosen Tasse Kaffee durchzugehen. Während ich verschiedene Bedienungen herumeilen sah, sah ich doch keine von Ihnen dabei, wie sie meine Tasse nachfüllten und doch war er immer frisch und bei genau der richtigen Temperatur.


Ich war die einzige Hyäne an dem Ort, aber es schien recht beliebt zu sein bei Wölfen und Tigern. Es gab eine kleine Ballung von ihnen in einem angrenzenden Raum, die in eine heftige Diskussion über Quantenphysik und Maisschnaps vertieft waren. Über meinem Kopf unterhielten sich eine Fledermaus und ein Gecko über das Wetter und die Tiger tauschten an der polierten Eichenbar schreckliche fischbasierte Kalauer aus.


Eine der Bedienungen, ein großer, weißer Samoyeden Hund, hielt an meinem Sessel, um zu fragen, ob ich etwas benötigte. Ich versicherte ihr, daß alles in Ordnung wäre, fragte sie aber, "Ich habe da eine Frage... vielleicht können Sie mir helfen... wurde der, äh, rote Sessel schon gefüttert?"


Ihre Augen weiteten sich, sie legte ihre Pfoten über ihren Mund und schnappte nach Luft, "Oh nein -- nicht schon wieder!" und lief aus dem Zimmer.


Ich verstand, warum Kathryn diesen Ort mochte.


Nachdem ich eine Weile dort gesessen hatte, kam eine große, gelbbraune Puma mit einem aufwendigen Kopfschmuck herüber und sagte langsam, "Howdy, Fremder. Ich bin Mzzkiti, die Managerin hier. Woher wissen Sie von dem roten Sessel?"


Ich war mir nicht sicher, ob sie mich zur Rede stellen wollte, oder einfach nur freundlich war. Meine kulturelle Antipathie gegen Löwen ließ die Haare meiner Mähne zu Berge stehen, aber ich hielt mein Gesicht neutral. "Eine, äh, Freundin von mir hat mir diesen Ort empfohlen, riet mir aber den roten Sessel zu meiden."


Mzzkiti neigte den Kopf. "Und welche Freundin wäre das...?"


"Er, sie arbeitet für 'Die Veldt' Zeitung --"


Da zuckte die Pantherin auf ihren Zehen zurück. "Sie kennen Kathy? Ja, sie ist ein Stammgast. Manchmal hilft sie sogar aus, wenn sie sich langweilt."


"Aha. Also -- worum geht es denn bei dem roten Sessel?"


Mzzkiti lächelte halbwegs. "Er frißt Leute," sagte sie mir einfach. "Ich werde Ky sagen, Ihnen einen Korb Hushpuppies zu bringen."


Sie ging, bevor ich fragen konnte, was genau "Hushpuppies" wären -- ich nahm an es wären entweder unglückliche kleine Kreaturen, oder eine Art Bestechung, um mein Schweigen bezüglich des roten Sessels zu kaufen. Wie sich herausstellte, waren sie eine Art kleiner, frittierter Teigbällchen, mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, mit Puderzucker bestäubt und sie passten hervorragend zum Kaffee. Ich bedankte mich bei der Samoyeden Bedienung und rutschte tiefer in meinem Sessel, glücklich kauend. Es könnte mir hier wirklich gefallen, entschied ich.


Meine zufriedene Träumerei wurde bald vom Schrillen meines Handys unterbrochen. Es war meine Mutter. Ihre Stimme klang wie Nägel auf Glas und ich zuckte vom Gerät fort.


"Usiku --? Wo bist Du? Ich habe versucht, Dich auf der Basis zu erreichen, aber sie sagten, Du wärest nach New Yak gegangen --" Ein unheilverkündender Ton überschattete ihre Stimme, "-- mit dem Mädchen. Du läufst doch nicht fort, oder?"


Ich war mir sicher, daß jeder im Raum sie hören konnte und versuchte das Handy mit meiner Pfote zu dämpfen.


"Ich bin... in einem Kaffeehaus, Mutter..."


"Ein Kaffeehaus? Wo ist die Erbin? Warum bewachst Du sie nicht?"


"Bitte, Mutter -- sie arbeitet; es gibt hier Gesetze gegen ausländische Militärangehörige in Zeitungsbüros."


"Und dann verbringst Du Deine Zeit stattdessen mit Ausschweifungen in irgendeinem Hipster Kaffee?"


Ich sah mich in der muffigen Umgebung um. "Ich würde es nicht 'Hipster' nennen, Mutter..." murmelte ich.


"Schau. Deine Aufgabe ist es, das Mädchen in eine Fürstin zu verwandeln und daß sie sicher in Kiyanti ankommt. Du bist nicht dort um Spaß zu haben."


"Das weiß ich, Mutter."


"Und Du sollst Dich auch nicht... in sie verlieben. Erlaube ihr nicht, Dich mit ihrer New Yak Art zu verführen. Habe ich mich klar ausgedrückt?"


"Glasklar, Mutter."


Sie muss die Gefahren von New Yak City sehr gut verstanden haben. Schließlich, wurde ich hier gezeugt.


*


Nach der Unterhaltung mit meiner Mutter, brauchte ich frische Luft. Ich fühlte mich eingesperrt und dachte, ein Spaziergang um den Block könnte mir gut tun. Ich ging zur Bar, um meine Rechnung zu begleichen. Da war eine rostbraune Wölfin, die Tassen mit dem Logo des Cafes darauf stapelte. Ihr Namensschild sagte "Florence".


"Hallo, ich, äh, möchte meine Rechnung bezahlen...?" hob ich an und sie blickte mich an, wedelte mit der Pfote und sagte mir, "Ah -- pfft -- Ihr Geld zählt hier nichts."


Ich prallte zurück. "Ich, ich, ich habe... amerikanische Dollar --"


Sie lachte, ein melodisches Geräusch. "Nein Dummkopf -- ich meine, wenn Sie ein Freund von Kathy sind, dann geht das aufs Haus," strahlte sie mich an.


"Oh. Oh, nun... sie sagte mir, Sie zu bitten es auf ihren Zettel zu schreiben..." ich fühlte mich benommen und verwirrt. Ich denke, ich habe an dem Nachmittag das Koffein und Zucker Kontingent meines gesamten Lebens überschritten.


Florence verschränkte ihre Arme und lehnte sich an die Theke. "Also -- woher kennen Sie Kathy? Ich schätze mal, Sie arbeiten bei ihrer Großmutter im Fort."


"Stimmt genau," stimmte ich zu. "Und Sie sind die Barista hier? Großartiger Kaffee übrigens --"


"Ach, das ist nur ein Nebenjob," spöttelte Florence. "Eigentlich bin ich astronautische Ingenieurin."


Ich zwinkerte. Sie lachte wieder. "Dieser Ort ist überraschend beliebt bei der Luft- und Raumfahrt Industrie."


"Nerd Rudel, meinst Du wohl," warf Mzzkiti vom anderen Ende der Bar ein.


"Hey -- wir haben das gehört!" protestierte ein Timber Wolf mit einer Seefahrts Kapitänsmütze und dazu passender Jacke, der an einem Tisch nahebei saß. Der Löwe mit dem Pferdeschwanz der neben ihm lümmelte, nickte weise, während der Schafbock ihm gegenüber nervös lachte. Eine kleine Katze und ein Schneeleopard mit ihrem Bier vom Faß in der Ecke stimmten laut zu.


Florence begann die Theke mit geübten kreisenden Strichen zu wischen. "Also, woher kommen Sie?"


"Süd Afrika. Und Sie?"


"Arabien."


"Wirklich? Wie kommen Sie nach New Yak?"


"Ein Schiff aus Eisen." (aus irony, konnte ich nicht übersetzen)


Mzzkiti rief laut, "Sie zieht Sie auf, Lieutenant."


Florence grinste zustimmend. Sie hatte sehr viele Zähne.


"Ich beginne zu glauben, daß Sie alle hier verrückt seid," entschied ich.


"Und das ist nur die Tagesschicht," gab Florence mir zu bedenken. "Warten Sie ab, was hier hereingekrochen kommt, wenn die Geschäfte schließen.


*


Als der Arbeitstag sich dem Ende neigte, füllte sich das Cafe langsam und bald wurde es so laut, daß es mir unmöglich wurde, weiterhin in meinem Sessel am Feuer zu dösen, also erhob ich mich auf der Suche nach der Männertoilette. Nach acht Stunden herumsitzen und Kaffeetrinken, war es wirklich nötig.


Aber gerade, als ich das Lesezimmer verließ, sah ich Kathryn durch das Foyer hereinkommen. Es überraschte mich, daß mein Herz einen kleinen Sprung machte, als ich sie sah und sortierte es als Erleichterung ein, daß sie sich tatsächlich an unsere Verabredung zum Abendessen erinnert hatte.


Aber dann stellte ich fest, daß es keineswegs eine Art von Verabredung sein würde, weil eine Reihe Mitarbeiter sie begleiteten, mit denen sie sich sehr lebhaft unterhielt. Ich erkannte Bo, die Schlange und Helen, die Waschbärin und am Ende der Gruppe hing Scooter Kildall, der Tiger, aber dazu gehörte auch noch ein Jagdhund in einer Lederjacke und roter Mütze, ein sehr großer schmuddelig aussehender Eber und eine Kreatur, von der ich annahm, sie wäre eine Art Luchs. Oder vielleicht war er ein Hund. Schwer zu sagen.


Kathryn reagierte auf Helens Zeigefinger, drehte sich um und sah mich dort stehen. "Wenn man vom Teufel spricht -- da ist er!" lächelte sie und forderte mich auf mich der Gruppe anzuschließen. Mit der anderen Pfote forderte sie die Aufmerksamkeit von Florence und gab einige Zeichen, die Florence wohl deuten konnte, weil sie einige Menüs auswählte und in einem Hinterzimmer verschwand.


Kathryn legte ihre Hand auf meine Schulter -- schmerzhaft nahe an meiner Wunde -- und sagte, "Leute, dies ist Lieutenant Krüger -- halt die Klappe, Calvin -- von Rackenroon in Afrika. Louie, das ist die Clique. Du kennst Scooter, Bo und Helen -- dies ist Loxley, Wolflynx und dann noch Calvin Swine."


Ich nickte sie an. Sie sagten "hallo" mit einer gewissen Ähnlichkeit zu einem Orgelakkord.


"Wie war Dein Tag, Louie?" fragte sie, als Florence uns allen bedeutete ihr zu folgen. Ich zuckte mit den Achseln.


"Es war ruhig. Der Kaffee ist gut. Wie Sie sagten." erwiderte ich langsam.


"Wow," sagte Loxley, der Hund. "Kaffee scheint für Sie wie Ritalin zu sein. Haben Sie ihn den ganzen Tag getrunken --? Ich würde mittlerweile ohne Punkt und Komma reden."


"Oder Pausen zwischen deinen Worten," stimmte Wolflynx zu.


Florence führte uns zu einem privaten Eßzimmer, was ihr gewohnter Aufenthaltsort zu sein schien. Ein extra Sessel wurde hereingezogen und in eine der Ecken geschoben. Es war ziemlich voll, als die Gruppe sich in ihre gewohnten Sitze begab. Helen, die kleinste, nahm den Sitz in der Ecke aber das ließ mir nur den Platz weit gegenüber von Kathryn, zwischen Scooter und Calvin.


Calvin hatte den Takt einer taktischen Kernwaffe. Noch bevor wir richtig saßen, sagte er zu mir, "Was hat Pünktchen getan, daß sie zwei Freunde hat?"


"Ich bin nicht ihr Freund," sagte ich und hörte Scooter das gleiche sagen. Wir sahen einander finster an.


"Ich habe es Dir schon gesagt, Calvin -- der Lieutenant arbeitet für meine Großmutter," sagte Kathryn scharf. "Sein Vater hat mit meinem Großvater Leonard zusammengearbeitet. Er wurde kürzlich nach Amerika versetzt, also habe ich ihm angeboten ihm die Stadt zu zeigen."


Ich sah sie an und unsere Blicke trafen sich -- oder zumindest, wo sie dachte, daß meine Augen wären -- und ich begriff, daß dies unsere Tarngeschichte sein würde.


Was offensichtlich niemand kaufte. "Ja, klar," grunzte Calvin, sein Menü inspizierend. "Bo hat mir alles über die Party damals erzählt."


Kathryn starrte ihn an und die Schlange sank zurück. "Du hast nie gesagt, daß wir nicht darüber reden dürften!" zischte er nervös.


"Das ganze Büro weiß Bescheid, daß Du eine lange verlorene Erbin mit einem reichen Freund bist. Das klingt, als wäre es eine sagenhafte Party gewesen. Es ärgert mich, nicht eingeladen worden zu sein, Pünktchen," fuhr Calvin mit einem vorgetäuschten Schniefen fort.


"Meine Großmütter haben die Gästeliste erstellt," informierte Kathryn ihn kalt und starrte Bo an.


Calvin drehte sich zu mir um. "Also -- wieviel hast Du für sie bezahlt, Vierauge? Ich hoffe, sie war es wert. Scheint fast so -- Walter sagte, sie hätte sich gestern krankgemeldet! Wird aber auch Zeit-- Streifchen hier versuchts schon seit Jahren und hat gar nichts bei ihr erreicht --"


Alle am Tisch riefen "CALVIN!"


"Was?" schoß das Schwein zurück, "das ist Bürogespräch!"


Zu Hause hätte ich ihn zum Duell gefordert und zu Würstchen verarbeitet, bevor er zuende gesprochen hätte, aber ich war bereits mehrmals daran erinnert worden, daß ich mich in Amerika befand und daß es Gesetze dagegen gab.


"Sei froh, daß Du nicht eingeladen warst," grollte ich, "Du wärst das Hauptgericht gewesen."


Ich rückte vom Tisch ab und erhob mich. "Entschuldigt mich. Ich muß den Waschraum aufsuchen."


Daß Kathryn mich mit verwundetem und besorgtem Ausdruck ansah, beruhigte meinen Zorn nicht. Ich hätte in der Lage sein sollen ihre in Zweifel gezogene Ehre zu rächen, aber alles, was mir einfiel war, mich selbst aus dem Raum zu entfernen bevor ich etwas tat, das ich später bereuen würde.


Im Bad, lehnte ich mich auf die Spüle und keuchte und schnaubte, fluchte auf suaheli. Ich war nie in meinem Leben so zornig gewesen, weil mir niemals zuvor so eine ungehobelte Respektlosigkeit begegnet war. Ich will nicht lügen und sagen, er hätte keinen Nerv getroffen -- er hat sogar einige davon getroffen. Wenn Worte Pfeile wären, dann wäre ich jetzt verblutet.


Ich klatschte mir Wasser ins Gesicht und beruhigte mich genug, um zu tun, wofür ich dorthin gegangen war, wusch sorgfältig meine Hände und kehrte in das Eßzimmer zurück. Ich kam gerade rechtzeitig, um den Hund sagen zu hören, "Also, Kath -- was hast Du mit dem zugeknöpften Loser vor?"


"Keine Ahnung," seufzte Kathryn. "Meine Großmütter denken, er wäre eine gute Partie für mich. Und er ist kein Loser -- er ist nur so etwas, wie ein permanentes blind date."


Ich wich etwas von dem Türrahmen zurück und hörte zu, mein Herz sank.


"Ich weiß!" meldete sich Bo, "Ich könnte ihn für dich verschlingen!"


"Oh, ganz bestimmt nicht!" schimpfte Helen.


"Sicher könnte ich das -- so groß ist er wirklich nicht," versicherte die Schlange ihr. "Erst müssen wir ihn aber aus der Uniform schälen, von dem ganzen Messing bekäme ich Verstopfung!"


Alle lachten. Ich knirschte mit den Zähnen.


In dem Moment watschelte ein kleiner schwarzer Pinguin in Sportschuhen und einem graugestreiften Schal herein, mit einem großen Tablett auf dem Kopf balancierend, das mit h'oers-d'oevres überladen war. Er verbeugte sich leicht und schob das Tablett auf den Tisch, wo Kathryn und ihr Haufen heißhungrig darüber herfielen. Der Pinguin konnte gerade eben sein Leben retten. Als er an mir vorbeiging, hielt er inne, zwinkerte mich mit glänzenden Knopfaugen an, tätschelte meine Hand mit einer seiner Flossen und watschelte den Korridor hinunter, verschwand schließlich durch die untere Hälfte einer Halbtür.


Ich empfand die Berührung als sehr beruhigend.


Kathryns Stimme zog meine Aufmerksamkeit wieder auf das Eßzimmer.


"Ich habe heute Nachmittag ein Gedicht über ihn geschrieben," erzählte sie ihnen und zog einen Zettel aus ihrer Tasche. "Wollt Ihr es hören?"


Sie machten ermutigende Geräusche, also räusperte sie sich, nahm eine Bloomsbury Haltung ein und deklamierte:


"Er folgt mir durch die ganze Stadt

Und jedes Mal, wenn ich mich umdrehe

Steht er da, mit respektvollem Abstand;

Er hält Wache vor meiner Tür

Indem er die ganze Nacht auf dem Boden schläft,

Es wird alt, ein verdrehtes Clichee;

Er sagt, er treibt eine Schuld ein,

Aber ich wollte er würde sie vergessen...

Er tut alles was ich sage, außer zu verschwinden!"

*1


Ihre Gang brach in Gelächter aus und sie verbeugte sich.


Ich vergaß den Wunsch, ihre Ehre zu rächen. Ich fühlte, wie mein Herz hart wurde und erkaltete. Ich fühlte mich versucht, einfach umzudrehen und hinauszugehen -- aus dem Cafe, aus der Stadt aus ihrem Leben. Aber ich hatte noch immer eine Pflicht zu erfüllen, also stählte ich meinen Willen, setzte die unverletzliche Maske auf und kehrte in das Zimmer zurück. Als ich eintrat, erstarb die heitere Unterhaltung abrupt.


Ich setzte mich mechanisch und schüttelte eine Serviette aus. "Was habe ich verpasst?"


*


Das Abendessen war sehr gut, aber es half nicht mit meiner Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um Diskussionen über ihre Arbeit und ich blieb distanziert, gab knappe, einsilbige Antworten wenn nötig. Hinterher begleitete ich sie schweigend zurück zu ihrem Appartement. Sobald wir drinnen waren, nahm ich meine Tasche, warf ein paar Toilettenartikel hinein und sagte zu ihr, "Guten Abend, Ma'am. Danke für das Abendessen."


"Hey, warte mal --!" rief sie, "Wo gehst Du hin?"


"Es wird Sie erleichtern, zu hören, daß ich mir ein Hotelzimmer genommen habe. Ich soll mich nicht weiter ihrer Gastfreundschaft aufdrängen. Ich füge mich Ihrem Wunsch und gehe."


Ihre Brauen hoben sich und ihr Mund erschlaffte. "Oh. Du hast das gehört, nicht wahr?"


"Das halbe Cafe hat es gehört," schnappte ich, "Sie haben eine tragende Stimme, Ma'am."


Sie machte eine Geste, als wollte sie meinen Arm berühren, zögerte dann und zog ihre Hand zurück, rollte sie gegen ihre Brust. "Hey. Es... es tut mir leid."


Ich seufzte ärgerlich. Ich sah sie nicht an.


"Calvin ist ein Idiot," fing sie schwach an zu erklären.


"Und er zieht Sie auf sein Niveau hinunter," schloß ich.


Ich erwartete, für diese Bemerkung heftig beschimpft zu werden, aber stattdessen sagte sie, "Ja, das tut er. Meine Großmutter hat recht. Ich muß mir meine Lakaien sorgfältiger aussuchen."


Sie verriegelte die Tür und warf den Schlüssel in die Schüssel die auf dem CD Ständer daneben stand. Sie fuhr mit einer Hand durch ihre Mähne. "Gott," hörte ich sie flüstern, "und ich bin eigentlich die nette Schwester..." Sie drehte sich zu mir um. "Hör zu, Louie, ich --"


"Ma'am," sagte ich kalt, "es gibt zu viel zu sagen, um das heute Nacht zu besprechen. Ich gehe ins Hotel. Ich treffe Sie morgen Abend, nach der Arbeit, für ihre Trainingseinheit. Sie brauchen meine Hilfe nicht, das ist klar --"


"Doch, das tue ich!" rief sie händeringend. "Louie, es tut mir leid --! Ich bin ein Trottel, okay? Ich bin der Hofnarr bei der Zeitung, ich nehme nie etwas ernst und jetzt plötzlich fällt dieser riesige Haufen ernsthafter Scheiße genau in meinen Schoß --"


"Gute Nacht, Ma'am," widerholte ich durch die Zähne und wollte die Tür öffnen. Sie klemmte.


Ich rüttelte den Knauf ein paar Mal und fühlte wie meine Haut entflammte -- es gibt nichts schlimmeres als ein ruinierter dramatischer Abgang. Sie kam herüber und griff nach dem Riegel. "Hier -- da ist ein Trick dabei --"


Sie schob meine Hand aus dem Weg und tat etwas magisches mit dem Knauf, und die Tür platzte auf. "Ich wollte eigentlich den Hausmeister kommen lassen, damit er das in Ordnung bringt... aber ich habs hinausgeschoben --"


"Das ist noch etwas, das Sie und Ihre Urgroßmutter gemeinsam haben," sagte ich brüsk. "Guten Abend, Fräulein Grrsn."


Ich nahm den Lift nach unten und als ich den Bürgersteig betrat, sah ich über die Schulter zum Gebäude auf. Ich dachte, ich sah ihre Silhouette an ihrem Frontfenster, wie sie mir nachsah. Ich zog die Schultern hoch und eilte die Straße hinunter.


Ich war sehr froh ins Hotel zu kommen, heiß zu duschen und mich auf einem bequemen Bett auszustrecken. Aber ich konnte nicht schlafen. Ich konnte nicht aufhören, an sie zu denken.


Ich begann zu glauben, daß ich nie wieder normal schlafen würde, so lange Sie in meinem Leben war."


(Fortsetzung folgt)




Copyright by, Kathryn Garrison Kellogg





*1

Ein Gedicht mit Versmass und allem zu übersetzen, ist mehr als meine bescheidenen Fähigkeiten erlauben.

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