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Freds Tagebuch #47

Eintrag #47 Mein Tagebuch, von Frederick Usiku Krüger





Wir holten die Anderen beim nächsten Dickicht ein. Es ging langsamer voran und war schwieriger, da die Dornenbüsche so dicht standen.


"Fühlen Sie sich jetzt besser?" fragte Horn mich, ohne mich anzusehen und ich nehme an, er dachte, Kathryn und ich hätten uns für ein heißes und verschwitztes Techtelmechtel in den Büschen abgesetzt, wie er mir geraten hatte. So beleidigend, wie ich den Gedanken fand, entschied ich ihn zu ignorieren.


"Gibt es eigentlich einen Pfad hier irgendwo oder denken Sie sich einen aus während wir gehen?" fragte ich ihn und Sandy ließ scheinbar aus Versehen einen Zweig in mein Gesicht schnellen.


Wir traten aus dem Wald und fanden unseren Weg durch zehntausende Gnus blockiert, die erste Welle der jährlichen Großen Wanderung. Es hätte uns Tage gekostet, einen Weg hindurch zu finden -- selbst wenn sie uns durchgelassen hätten; Horn versuchte, mit ihnen zu reden aber offensichtlich war ihr Wortschatz begrenzt auf die Phrase "Ich bin Gnu".


Die Gnu Sprache ist entweder unglaublich simpel oder trügerisch komplex, je nachdem, wen Du fragst. Sie besteht aus einem einzelnen gesprochenen Wort -- "mu" -- und verlässt sich auf Betonung, Zusammenhang, geteilte Erfahrung und Telepathy um den Sinn zu vermitteln. Füge ihre Fähigkeit sich in großen, wirbelnden Massen zu bewegen, angepasst an den Zyklus des Regens und ihre Methode der Kommunikation wird zu einer beinahe mystischen Angelegenheit.


Da ich Gnus eins nach dem anderen geradewegs in einen Krodilverseuchten Fluß habe gehen sehen, mit vorhersehbarem Ergebnis, kann ich nicht glauben, daß da irgendeine Intelligenz in ihren Gedankenprozessen steckt.


Wir konnten sie nicht davon überzeugen, uns durchzulassen und die Dämmerung brach herein, also wählten wir ein Lager aufzuschlagen und auf eine Lücke in der Herde zu warten. Horn erlaubte uns nicht, ein Feuer zu machen, aus Sorge, daß sein Licht ungewollte Aufmerksamkeit auf uns ziehen könnte, also waren wir gezwungen ein kaltes Abendessen zu uns zu nehmen aus den Dosen, die die Mädchen mitgebracht hatten. Keine von ihnen schien es zu stören, aber ich ärgerte mich, mein Kochtalent nicht zeigen zu können.


Horn war etwas verärgert, als er feststellte, daß die Mädchen keine Campingausrüstung mitgenommen hatten und schimpfte sie dafür aus, erinnerte sie daran, daß sie ihren Sommerpelz trugen und daß sie wünschen würden, Decken mitgenommen zu haben, wenn die kalte Nacht hereinbrach. Ich bot ihnen an, einige meiner Uniformjacken zu leihen, wenn sie frieren sollten und sie waren überrascht, daß sie ihnen passten. Ich erklärte ihnen, daß ich meine Uniformen zwei Nummern größer schneidern ließ. Horn witzelte süffisant, er würde es vorziehen, wenn die beiden niemals Brigadeuniform tragen würden, aber ich dachte, sie sahen ziemlich fesch darin aus. Sie trugen sie mit der Front offen, weil sie so besser passten.


Es war noch zu früh zum Schlafen. Um die Zeit zu vertreiben, wechselten wir uns dabei ab, Geschichten zu erzählen. Die Mädchen wollten wissen, wie ihre Großmutter so wäre und Horn erzählte ihnen, wie es zum Bruch mit ihren Schwestern gekommen war. Er erzählte, daß Songween ein helles und fröhliches Mädchen gewesen war, als sie jung war -- Kathryn ziemlich ähnlich -- aber daß ihre älteren Schwestern, die Zwillinge waren, neidisch und mißgünstig waren. Sie hatten ihrer Mutter nie vergeben, daß sie Songween empfangen und geboren hatte, als sie Teenager waren, weil sie nicht aufhörten sich darüber zu streiten, wer den Titel erben würde. Jahre später, als ihre Mutter starb, als Songween auf einem Feldzug war, hätten die Schwestern den Körper ihrer Mutter in eine Kühltruhe stecken sollen, so daß Songween zurückkehren und die erforderlichen Trauerfeierlichkeiten ausrichten konnte.


Die Schwestern steckten den Körper tatsächlich in die Kühltruhe -- aber vergaßen offensichtlich sie anzuschließen. Als Songween heimkehrte, waren die sterblichen Überreste ihrer Mutter so stark verwest, daß es unmöglich war, die Beerdigungsriten ordnungsgemäß durchzuführen. Am Ende beerdigten sie die komplette Kühltruhe.


Songween wissend, daß der Irrtum beabsichtigt war, war außer sich. Sie hielt das für die schlimmste Form der Respektlosigkeit für ihre Mutter, die Rache ihrer Schwestern dafür, von der Nachfolge ausgeschlossen worden zu sein. Die Erkenntnis, daß ihre Schwestern ihrer eigenen Mutter das antun konnten, änderte sie. Mit einem Wimpernschlag, verwandelte sie sich von einer lebenslustigen, temperamentvollen jungen Frau in eine hartherzige, paranoide Tyrannin. Da sie ihre Schwestern nicht so bestrafen konnte, wie sie wollte, ließ sie jedermann töten, der in das Fiasko der Kühltruhe verwickelt war. Dann schickte sie ihre Schwestern, in das, was effektiv das Exil war, befahl sie auf einen Feldzug nach dem anderen, in der Hoffnung, sie würden getötet. Ihre Feindschaft den Familien ihrer Schwestern gegenüber hielt sich bis zum gegenwärtigen Tag. "Einige sagen, es wäre Hass, der das alte Mädchen am Leben hält," schloß Horn, "aber ich persönlich denke, es ist Enttäuschung."


Um die Stimmung zu heben, entschied ich ihnen von meinen früheren Abenteuern in Amerika zu erzählen. Ich sagte ihnen, daß ich ihr Land sehr mochte. Es war so weit geöffnet und freundlich. Wären die Dinge in meinem Leben anders verlaufen, dann wäre ich glücklich gewesen, nach New Yak zu ziehen und die Konzerne meiner Familie von dort zu lenken.


Natürlich, ich hatte dort gelebt, als ich ein sehr kleines Kind war. Während ich in Cambridge war, verbrachte ich für ein Semester einen Sommer auf einer Ranch arbeitend als Teil eines Kurses in interspezies Beziehungen und ein anderes Mal verbrachte ich sechs Wochen an der Grenze Alaskas damit schießen und Wildnis Überlebensfähigkeiten in einem paintball Lager zu lernen. Ich erwähnte auch, daß ich einmal meinen Vater begleitet hatte, auf einer Inspektionsreise zu seiner Robotikfabrik in Falfurrias, Texas. Das war zu der Zeit, wo ich im Stimmbruch war, so daß wir meine Reisetruhe mitnahmen, um sie auf meine neue Stimmsignatur zu rekalibrieren. Wir machten auch eine Führung des dortigen Raumhafens, der mich faszinierte. Ich sagte ihnen, daß eins der Projekte, die ich in Rackenroon zu unternehmen hoffte, die Errichtung eines Raumhafens war, der ein wirtschaftliches Zentrum für die gesamte Gegend werden sollte.


Sandy drückte ihre Skepsis aus, daß ich je auf einer Ranch gearbeitet hätte. Ich versicherte ihr, daß es stimmte und daß ich sogar an einem Rodeo Wettbewerb teilgenommen hatte zwischen den "scharfen" und den "flachen", wobei das Team mit den meisten Mitgliedern die am Ende des Tages noch stehen konnten, zum Sieger erklärt wurde. Sandy runzelte immer noch die Stirn, aber ich bemerkte, daß Kathryn mich mit einem komischen, verträumten Lächeln auf ihrem Gesicht ansah, daß mich etwas erröten ließ. Ich wünschte, ich hätte sie fragen können, woran sie dachte.


Sandy erzählte die Geschichte, wie ihr Bruder Arfur, das Leben eines Teenager Panda Mädchens gerettet hatte, die von all den Dingen die Teenager so passieren, deprimiert war, unter anderem eine magersüchtige, unbeachtete Poetin zu sein, als Tochter von jüdisch-chinesischen Einwanderern. Zumindest hatte er gedacht, er hätte ihr Leben gerettet, als sie bewußtlos in einer Gasse hinter einer Bar gefunden hatte und zuerst dachte, sie hätte eine Überdosis Tabletten genommen -- aber die Tabletten stellten sich als M&M Süßigkeiten heraus. Er brachte das Mädchen nach Hause zu ihren Eltern, die so erleichtert und dankbar waren, daß sie ihm freien Zugang zu ihrem All You Can Eat chinesischem koscheren Buffet in ihrem Restaurant gewährten, das Wolong Seder.


Unglücklicherweise verliebte sich das Mädchen, Lotus Blossom Ginsberg, in ihren Bruder und nachdem er ihr spaßeshalber einige schmutzige Limericks im Tausch für ihre Poesie schickte, setzte ihre Tante -- mit der Kathryn zufälligerweise in der Zeitung zusammenarbeitete -- einen Preis aus auf ihren Bruder und ein Paintball schiessender Eisbär schoß daraufhin irrtümlicherweise auf seinen Vater. *


"Ein Eisbär?" unterbrach ich, "das ist komisch -- der Typ, der das Wildnislager in Alaska leitete, war auch ein Polarbär. Ich frage mich, ob sie verwandt sind."


"Nee," sagte Sandy, "so viel Zufall gibts im ganzen Universum nicht."


"Du wärst überrascht," sagte Kathryn. "Manchmal denke ich, es gibt überhaupt keinen Zufall im ganzen Universum... daß alles aus einem Grund geschieht, wie vorherbestimmt... als würde jemand unsere Leben lenken..."


Sie fuhr fort die folgende Anekdote zu erzählen:


"Als ich ein Kind war, liebte ich es, Geschichten zu erfinden. Ich redete stundenlang auf jeden ein, der sich all die merkwürdigen Abenteuer meiner eingebildeten Spielkameraden anhören wollte. Als ich in der dritten Klasse war, denke ich mal, begann ich, sie aufzuschreiben. Ich füllte stapelweise Papier mit meinen phantastischen Geschichten -- eine Menge davon, Fan Fiction über Charaktere in Büchern, die mir gefielen, aber vieles war auch originales Zeug. Ich machte Mom und Dad wahnsinnig damit, bis spät in die Nacht in meine Tastatur zu hacken --"


"Mich und Arf hast Du auch irre gemacht," warf Sandy ein. "Deswegen bin ich ausgezogen, als ich siebzehn wurde!"


Kathryn grinste sie an und setzte fort. "Ich wollte eine berühmte Schriftstellerin werden, wenn ich groß war. Ich wollte wirklich eine berühmte Wunderkind Schriftstellerin werden, aber ich entdeckte, daß veröffentlicht zu werden sehr schwierig war, besonders für ein Kind. Also beschäftigte ich mich in der Schule mit Journalimus, schrieb für die Schulzeitung, gab das Klassenjahrbuch heraus und tat alles, um meine Fähigkeiten zu verbessern. Als ich von Die Veldt eingestellt wurde, war ich begeistert -- ich dachte wirklich, ich würde in Nullkommanichts eine preisgekrönte Reporterin sein."


Sie seufzte. "Dann teilte Walter mich zum schreiben von Nachrufen ein. Nachrufe! Das ist das Unterste im Journalismus und ich hatte den Mut, ihm das auch zu sagen. Und ich werde nie vergessen, was er mir dann sagte --"


"Halt die Klappe und geh an die Arbeit, Grrsn?" riet Sandy. Kathryn warf einen Stein nach ihr.


"Er sagte, "Grrsn, für viele Leute ist ihr Nachruf der einzige Augenblick des Ruhmes, den sie je bekommen werden. Wir schulden ihnen eine ordentliche Kenntnisnahme."


Sie seufzte. "Also -- ich versuchte, die Arbeit so gut zu machen, wie ich konnte, machte meine Nachforschungen, machte aus jedem Nachruf eine kleine biographische Darstellung. Ich denke, die Familien waren überrascht, daß ich so viel Interesse and den Dahingeschiedenen zeigte -- und einige waren ziemlich bewegt. An ihre Verschiedenen zurückzudenken half ihnen oft, ihre Trauer zu erleichtern. Sie konnten sich in ihrem schweren Verlust an die guten Zeiten erinnern."


Mit einem Schulterzucken fügte sie hinzu, "Natürlich konnte ich nicht für jeden eine schöne Biographie schreiben. Die traurigsten Aufgaben waren die, wo der Verschiedene alleine starb." Sie stockte und kratzte am Boden. "Niemand sollte alleine sterben."


Wir waren alle still, die Grillen ausgenommen.


"In den ersten ein oder zwei Jahren, versuchte ich so viele Beerdigungen zu besuchen, wie ich konnte, für diejenigen, die niemanden hatten," fuhr sie sanft fort. Dann fing es an, mich zu belasten. Ich fragte meinen Dad, der Bestatter ist, wie er seine Arbeit tagein tagaus, Jahr für Jahr machen konnte -- wißt ihr, mit Trauer und Tod umgehen und doch eine lebenslustige Haltung zu bewahren. Er sagte, "Ich weiß, ich helfe Leuten. Meine Mutter verbrachte ihre Zeit damit Leben zu töten und zu vernichten. Es machte mich krank. Ich konnte kein Arzt werden, also ist dies meine Art, die Rechnung zu begleichen. Ich gebe ihnen eine gute letzte Reise. Ich versuche ihre Verwandten aufzuheitern. Ich lasse Leute wissen, daß ihre Leben etwas bedeuten."


Sandy setzte zu einem Kommentar an, überlegte es sich aber und machte ein Gähnen daraus.


Kathryn schloß, "Also, als Walter mir dann anbot, mich zum angestellten Schreiber zu befördern, wollte ich weiterhin an den Nachrufen arbeiten -- weil ich das Gefühl hatte, ich könnte damit wettmachen, als Hyäne geboren zu sein. Das Leben von Leuten hat eine Bedeutung."


"Des...wegen wurde ich Rettungssanitäter," murmelte Sandy. "Dad hat mir das gleiche gesagt."


"Erinnert mich daran, Eurem alten Herrn irgendwann einen auszugeben," sagte Trader Horn.


Kathryn seufzte, "Und jetzt bin ich in der Lage tausenden zu helfen, vielleicht sogar Millionen. Vielleicht ist die größte Geschichte, die ich je schreiben werde, die Zukunft dieses Landes."


Ich hustete und entschuldigte mich, dann ging ich etwas abseits, wo ich die Brille abnehmen und durch die Augen wischen konnte.


Ja, meine Aufgabe war sehr viel einfacher geworden an jenem Tag...





Copyright by, Kathryn Garrison Kellogg





* eine Geschichte aus dem Comic "Carry on" der vor dem Zeitpunkt liegt, an dem Frederick dazustößt. Der Eisbär ist aus dem Comic "The Whiteboard".


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